Marko Rant | Mit Forderungen handeln? Ja, aber auf Gegenseitigkeit

Marko Rant ist Gründer und Vorstandsmitglied von Borza terjatev (Invoice Exchange) – der ersten Finanzierungsplattform, die auf Gegenseitigkeit beruht, für Unternehmen in Slowenien. In einem Kurzinterview hat er uns anvertraut, wie er zusammen mit seinem Team aus der Idee der gegenseitigen Finanzierung und des Forderungshandels ein Unternehmen aufgebaut hat, das seit der COVID-19-Pandemie kleinen und mittelständischen Unternehmen in Slowenien mehr als 115 Millionen Euro an kurzfristigen Finanzierungen zur Verfügung gestellt hat.

Herr Rant, Sie sind Mitglied des Vorstands und Gründer von Borza terjatev (Invoice Exchange) – der ersten Finanzierungsplattform, die auf Gegenseitigkeit beruht,  für Unternehmen in Slowenien. Können Sie uns kurz erzählen, wie die Plattform funktioniert und wie sie entstanden ist?

Mein Geschäftspartner Tomi Šefman und ich haben Borza terjatev (Invoice Exchange) vor zehn Jahren mit folgender Idee gegründet: „Kurzfristige operative Forderungen aus ausgestellten Rechnungen sind kurzfristige Unternehmensschulden. Warum also nicht auf einem geregelten Markt – einer Forderungsbörse – mit ihnen ähnlich wie mit Anleihen handeln?

Der Finanzmarkt von Borza terjatev (Invoice Exchange) ist als Online-App mit integriertem Handels- und Abwicklungssystem zum Abschluss und zur Abrechnung von Kauf- und Verkaufsgeschäften mit Forderungen konzipiert. Um ihre Funktion besser zu beschreiben: die Plattform vereint Funktionen eines Maklerunternehmens, einer Börse und einem Zentralverwahrer auf einer Stelle.

So ist unser Finanzmarkt bzw. die Forderungsbörse noch heute technisch aufgestellt, dennoch haben wir im Laufe der Jahre unser Angebot und unser Customer Experience stets verbessert, indem wir uns schrittweise vom Konzept des Börsenhandels entfernt haben und den Fokus auf Peer-to-Peer-Finanzierung gesetzt haben. Borza terjatev (Invoice Exchange) gleicht heute einer „Bank auf Gegenseitigkeit“, die einerseits kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) Finanzierungen in Form von Forderungsrückkäufen und Krediten und andererseits Anlegern eine attraktive und risikoarme Alternative zu Bankeinlagen bietet.

„Borza terjatev (Invoice Exchange) gleicht heute einer „Bank auf Gegenseitigkeit“, die einerseits kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) Finanzierungen in Form von Forderungsrückkäufen und Krediten und andererseits Anlegern eine attraktive und risikoarme Alternative zu Bankeinlagen bietet.“

Die Corona-Pandemie hat Unternehmen vor viele Herausforderungen gestellt. Insbesondere in Bezug auf die Finanzierung durch lange Zahlungsfristen und Zahlungsverzug. Was sind die zentralen Herausforderungen, die Sie bei Ihren Kunden beobachten?

Borza terjatev (Invoice Exchange) richtet sich an KMUs, die in B2B-Branchen tätig sind, in denen die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie geringer oder indirekter waren als bei den am stärksten betroffenen Tätigkeitsbereichen wie dem Tourismus und dem Gastgewerbe. Die Auswirkungen der Epidemie auf das Kundengeschäft sind durchaus zu beobachten und Unternehmen haben das Jahr 2020 sehr unterschiedlich überstanden.

Die Herausforderungen in den betroffenen Unternehmen waren vorseherbar. Viele erlitten Auftragseinbrüche oder Kündigungen wichtiger Kundenverträge. Gleichzeitig mussten sich Unternehmer mit Kostenanpassungen, Beantragung von Staatshilfen, Beziehungen zu Banken zur Durchsetzung von Darlehensmoratorien und dergleichen auseinandersetzen.

Das nationale Corona-Bürgschaftssystem für Bankkredite in Slowenien, von dem sich insbesondere KMUs viel versprochen hatten, hat in der Praxis versagt. Von der Gesamtquote von zwei Milliarden Euro wurden tatsächlich nur 83,5 Millionen Euro an Bankkrediten mit Staatsgarantie abgeschlossen. Im gleichen Zeitraum stellten wir mittelständischen Unternehmen über unsere eigene Finanzplattform 109,1 Millionen Euro kurzfristiger Liquidität und seit Beginn der Epidemie mehr als 115 Millionen Euro an kurzfristigen Finanzierungen zur Verfügung.

Aus Sicht der Zahlungsdisziplin wurden bei Borza terjatev (Invoice Exchange) in der ersten Epidemiewelle die größten Rückzahlungseingänge festgestellt. Die zweite und dritte Welle hatten keinen so starken Einfluss mehr auf die Zahlungsdisziplin. Derzeit bleiben erhebliche Unsicherheiten, aber die ersten Daten zur wirtschaftlichen Erholung im Jahr 2021 sind ermutigend.

„Die ersten Daten zur wirtschaftlichen Erholung im Jahr 2021 sind ermutigend. […] Seit Beginn der Epidemie stellten wir mittelständischen Unternehmen über unsere eigene Finanzplattform mehr als 115 Millionen Euro an kurzfristigen Finanzierungen zur Verfügung.“

Wie können sich Unternehmen kurzfristige Finanzierungen und damit sofortige finanzielle Liquidität sichern?

Es gibt mehrere Möglichkeiten. Die klassische Bankfinanzierung ist nach wie vor die kostengünstigste. Diese eignet sich besonders für größere Unternehmen, die Banken erstklassige Sicherheiten bieten können und Zeit haben, das für Banken anspruchsvollere und komplexere Verfahren selbst durchzuführen.

Andererseits gibt es in Slowenien heute bereits ein recht vielfältiges Angebot für KMUs, insbesondere kurzfristige Finanzierungen durch bankfremde Finanzintermediäre – die typischste Form ist der Forderungskauf. Diese Form ist verfahrenstechnisch einfacher und schneller, aber etwas teurer als bei Banken.

Borza terjatev (Invoice Exchange) liegt mit ihrem Angebot irgendwo zwischen klassischen Faktoren und Geschäftsbanken. Unser Förderangebot richtet sich insbesondere an KMUs, die eine flexible und schnelle Finanzierung benötigen, die über einen Online-Antrag abgerufen werden kann.

Foto: Borza terjatev (Invoice Exchange)

 

Was raten Sie Unternehmen, die in der gegenteiligen Position sind, also denen mit Liquiditätsüberschüssen? Wie können Unternehmen die Zahlung von Bankenabgaben vermeiden?

Es hängt alles von den Wünschen und Erwartungen des Investors ab. Wenn es ausschließlich darum geht, Einlagen für Guthaben auf Transaktionskonten bei der Bank zu vermeiden, eignen sich hochliquide und risikoarme Anlagen besonders gut. Die Anlage von Vermögenswerten an der Forderungsbörse von Borza terjatev (Invoice Exchange) ist eine dieser Möglichkeiten.

Sind Investitionen in Form von Forderungsankäufe sicher? Worauf sollten Unternehmen bei solchen Investitionen achten?

Der Forderungsankauf unterliegt ähnlichen Gesetzen wie andere Beteiligungen. Es ist zunächst notwendig, alle Szenarien zu verstehen, die zu einem Ausfall führen könnten. Dann sollte die Eintrittswahrscheinlichkeit eines jeden Szenarios bewertet werden. Schließlich sollte für die Forderung ein Rückkaufsabschlag festgelegt werden, der nach allen möglichen Verlusten und Kosten im Durchschnitt einen Gewinn bringt. Ein Geschäft wird abgelehnt, wenn der Kunde einen solchen Diskont nicht akzeptiert.

Auch bei Borza terjatev (Invoice Exchange) hatten wir bereits Fälle, in denen wir die Risiken falsch eingeschätzt und Geschäfte abgeschlossen haben, die sich als verloren herausstellten. Allerdings haben wir für unsere Anleger in den letzten fünf Jahren eine durchschnittliche jährliche Verlust- und Kostenrendite von 4,4 % erzielt.

Was sind Ihre Geschäftspläne für die Zukunft? Haben Sie noch andere Ratschläge, die Sie mit anderen Unternehmern teilen möchten?

Unser  Leitmotiv ist es, Unternehmen eine einfache und flexible Finanzierung für ihren laufenden Betrieb zu bieten. Bei Borza terjatev (Invoice Exchange) werden wir auch in Zukunft danach streben. Für Unternehmer, die es wagen, diesem Leitmotiv zu folgen, habe ich keine weiteren Ratschläge, sondern nur herzliche Glückwünsche zu ihrem Mut.

Interview: Anja Slekovec