Interview mit Adrian Pollmann und Natalie Kauther, Deutschlands neuem Botschafterpaar in Slowenien

Seit Ende Juli sind Adrian Pollmann und Natalie Kauther neue Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Slowenien. Nach den ersten drei Monaten im Amt sprachen wir mit ihnen über ihre neuen Aufgaben, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und das Leben in Slowenien.

Ihre Exzellenz Herr Pollmann, Ihre Exzellenz Frau Kauther, nochmals herzlich willkommen in Slowenien! Sie leben seit Juli in der Hauptstadt Ljubljana – wie sind Ihre ersten Eindrücke vom Leben und Arbeiten im Land?

Adrian Pollmann: Für uns beide war Slowenien ein Wunschposten. Wir sind begeistert von der landschaftlichen Schönheit und dem kulturellen Reichtum des Landes, von der Gastfreundschaft der Menschen. Ljubljana ist eine schöne und faszinierende Stadt, in der wir sehr gerne leben. Auch weil wir wissen, dass unsere Kinder hier gut und sicher aufwachsen können. Was das Arbeiten anbetrifft: Wir freuen uns darauf, mit möglichst vielen Menschen im ganzen Land ins Gespräch zu kommen. Leider macht uns die Corona-Pandemie derzeit oft einen Strich durch die Rechnung, aber wir sind ja zum Glück noch ein paar Jahre hier!

Sie sind verheiratet, teilen sich den Botschafterposten in Slowenien und gelten als Pioniere des sog. Job-Sharing-Modells im Auswärtigem Amt. Wie ist es dazu gekommen und was sind die Vorteile dieses Modells? Gibt es auch Nachteile?

Natalie Kauther: Die Frage der Vereinbarkeit von Beruf und Familie stellt sich heutzutage in jedem Berufszweig, alle arbeitenden Eltern dürften das Problem kennen. Für die Diplomatie gilt das vielleicht noch einmal ganz besonders: Wir bleiben immer nur wenige Jahre an einem Ort, bevor wir dann an den nächsten Posten versetzt werden – für die Kinder eine zusätzliche enorme Herausforderung. Unser Wunsch war es, hierauf besonders Rücksicht zu nehmen. Und da das Auswärtige Amt in einer sich verändernden Arbeitsgesellschaft ein attraktiver Arbeitgeber bleiben will, muss es auf die familiäre Situation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zunehmend Rücksicht nehmen. Es war daher sofort bereit, gemeinsam mit uns diesen Weg zu gehen, der ganz so neu übrigens gar nicht ist – wir haben uns schon in Bosnien und Herzegowina den Posten des Stellvertretenden Botschafters geteilt, auch in Schweden und Montreal teilen sich verheiratete Kollegen einen Posten, wenn auch bislang noch nicht auf der Botschafter-Ebene, da sind wir tatsächlich Pioniere.

Wir werden uns nun alle acht Monate auf dem Posten des Botschafters abwechseln, so dass jeweils einer von uns beiden mehr Zeit für die Kinder hat und auch ein Krankheitsfall oder wochenlange Schulferien ohne Probleme zu Hause aufgefangen werden können. Die große Herausforderung für den nahtlosen Wechsel in der Botschaft ist natürlich eine enge Abstimmung. Aber das sind wir als Eltern ja ohnehin gewöhnt, und es gilt im Beruf wie in der Familie: Am besten funktioniert es, wenn man sich gut abspricht.

Natalie Kauther: „Die große Herausforderung für den nahtlosen Wechsel in der Botschaft ist natürlich eine enge Abstimmung. Aber das sind wir als Eltern ja ohnehin gewöhnt, und es gilt im Beruf wie in der Familie: Am besten funktioniert es, wenn man sich gut abspricht.“ (Foto: © Željko Stevanić/IFP)

 

Welche Themen sind Ihnen im Rahmen der bilateralen Zusammenarbeit besonders wichtig?

Natalie Kauther: Durch die Trio-Ratspräsidentschaft, bestehend aus Deutschland, Portugal und Slowenien, stehen derzeit insbesondere europäische Themen im Mittelpunkt unserer Zusammenarbeit. Wir wollen weiter auf dem Weg in Richtung eines starken, solidarischen und offenen Europa gehen. Wir wollen die EU und ihre Mitgliedstaaten zukunftsfähig machen. Dazu zählen insbesondere die Fragen von Klimaschutz, Nachhaltigkeit und Digitalisierung.

Damit die EU weltweit Gehör findet, muss sie an einem Strang ziehen und mit einer Stimme sprechen. In diesem Sinne haben wir auch das Motto der deutschen EU-Ratspräsidentschaft formuliert: „Gemeinsam. Europa wieder stark machen“.

Adrian Pollmann: All dies bedeutet aber natürlich nicht, dass wir die bilateralen Themen vernachlässigen. Deutschland und Slowenien verbindet viel, die Beziehungen sind eng und gut. Wirtschaftlich ist Deutschland der wichtigste Partner Sloweniens, mit knapp 20 % Anteil am slowenischen Handel. Etwa 500 deutsche Unternehmen sind in Slowenien tätig, wir sind in vielen industriellen Bereichen eng verbunden, nehmen Sie beispielsweise die Autoindustrie. Hier wollen wir unterstützen, wo wir können, und dabei helfen, dass die Wirtschaft unserer beiden Länder davon größtmöglich profitiert.

Auch kulturell verbindet uns vieles. Deutsch ist nach Englisch die beliebteste Fremdsprache in Slowenien, viele zieht es für das Studium nach Deutschland. Gleichzeitig interessieren sich immer mehr junge Menschen in Deutschland für Slowenien, viele kommen etwa als Erasmus-Studierende ins Land – eine sehr erfreuliche Entwicklung, die wir als Botschaft unterstützen wollen.

Adrian Pollmann: „Etwa 500 deutsche Unternehmen sind in Slowenien tätig, wir sind in vielen industriellen Bereichen eng verbunden, nehmen Sie beispielsweise die Autoindustrie. Hier wollen wir unterstützen, wo wir können, und dabei helfen, dass die Wirtschaft unserer beiden Länder davon größtmöglich profitiert.“ (Foto: © Željko Stevanić/IFP)

 

Industrie 4.0 und Digitalisierung sind in den letzten Jahren ein wichtiges Thema im Rahmen der deutsch-slowenischen Zusammenarbeit gewesen. Was bringt uns die Zukunft in diesem Zusammenhang?

Adrian Pollmann: Die rasante technologische Entwicklung bietet eine Vielzahl von Chancen für Hochtechnologie-Nationen wie Slowenien und Deutschland. Dabei hilft auch die Unternehmensstruktur in beiden Ländern: Es gibt eine Vielzahl von kleinen und mittleren Unternehmen, die oft an der Spitze der technologischen Innovation stehen. Auch die hervorragenden Forschungsinstitute in beiden Ländern leisten hierfür einen wichtigen Beitrag.

Natürlich führen neue Technologien immer auch zu neuen Herausforderungen, und die betreffen unsere Länder gleichermaßen. Die Arbeitswelt wird durch die Digitalisierung fundamental verändert, und auf diese Veränderungen werden wir die richtigen Antworten finden müssen. Dies ist letztlich eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Ich bin aber zuversichtlich, dass Slowenien und Deutschland insgesamt massiv wirtschaftlich von der Digitalisierung profitieren werden.

Natalie Kauther: Eine große Herausforderung sehe ich auch im Bildungsbereich. Wir müssen dafür sorgen, dass alle Schülerinnen und Schüler gut vorbereitet werden für den Arbeitsmarkt der Zukunft. Die reine Vermittlung von Wissen wird nicht ausreichen. Genauso wichtig ist es, Schlüsselfähigkeiten für eine moderne Gesellschaft zu vermitteln: kritisches Denken, interkulturelle Kompetenz, Teamfähigkeit und nicht zuletzt digitale Kompetenz, die regelmäßig – auch im fortschreitenden Berufsleben – aktualisiert werden muss.

Deutschland ist mit einem Handelsvolumen von fast 12 Milliarden Euro im Jahr 2019 Sloweniens wichtigster Handelspartner und die deutsch-slowenischen Beziehungen sind sehr gut. Gibt es dennoch Verbesserungspotenzial? Planen Sie Aktivitäten zu einem bestimmten Thema?

Adrian Pollmann: Slowenien ist auch für uns ein enger politischer Partner und ein wichtiger Handelspartner. Wir importieren mehr aus Slowenien als aus manch anderen, deutlich größeren EU-Ländern.

Deutschland und Slowenien stehen wirtschaftlich gut da. Slowenien kann stolz auf die erfolgreiche Transformation der letzten drei Jahrzehnte sein. In Deutschland sind wir stolz auf die erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung der letzten zwei Jahrzehnte. Wir dürfen uns aber nicht auf dem Erreichten ausruhen!

Wie können wir dafür sorgen, dass Europa zukunftsfähig bleibt? Wie begegnen wir dem Klimawandel? Investieren wir genug in Innovation, Forschung, in Zukunftsfelder wie künstliche Intelligenz? Wie sorgen wir dafür, dass Europa im weltweiten Wettbewerb um kluge und kreative Köpfe attraktiv bleibt? Das sind Fragen, die unsere beiden Länder gleichermaßen beschäftigen und in denen wir auch beide voneinander lernen können. Als Botschaft wollen wir an diesen wichtigen Debatten teilnehmen, kreative Köpfe und kritische Stimmen zusammenbringen – sobald die Entwicklung der Pandemie es wieder erlaubt.

Interview: Anja Slekovec

Foto: © Željko Stevanić/IFP